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Prof. Friedrich Renner
Welttag für Verdauungsgesundheit 29. Mai 2010
1. Österreichisches CED-Forum 27. Mai 2010, Wien


Chronisch Darmerkrankte gehören zum Spezialisten

Prim. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Renner, Abteilung für Innere Medizin, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried i.I. und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH)

Der 29. Mai ist Welttag für Verdauungsgesundheit. Obwohl selten in den Schlagzeilen, stellen Erkrankungen des Verdauungstrakts eine enorme medizinische und sozialökonomische Herausforderung dar. Sie sind die häufigste Ursache für Spitalseinweisungen in Österreich gefolgt von Herz-Kreislauferkrankungen und Krebsleiden. Auch bei Fehlzeiten am Arbeitsplatz stehen Verdauungskrankheiten an vorderster Stelle.

Anstieg alarmierend

Ein besonderes Problem stellen dabei die chronischen Darmerkrankungen dar, die heuer im Zentrum des weltweiten Aktionstags stehen. In Österreich leiden rund 80.000 Menschen an den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Die Zahl der Hospitalisierungen steigt jährlich um durchschnittlich 18 %. Beim 1. Österreichischen CED-Forum am 27. Mai in Wien diskutierten Experten aus Medizin, Forschung, Gesundheitspolitik und Patientenorganisationen, wie die dramatische Situation der Betroffenen und die erheblichen Auswirkungen auf Gesundheitssystem und Wirtschaft in den Griff zu bekommen sind.

„Der rasante Anstieg der CED ist alarmierend“, meint Univ.-Prof. Dr. Friedrich Renner, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie und Primar am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Ried im Innkreis. „Damit einher gehen nicht nur großes körperliches und seelisches Leid der Betroffenen. Auch die Belastungen für die Volkswirtschaft sind enorm – und wachsen stetig weiter.“

Beide Erkrankungsformen der CED, die Colitis ulcerosa (chronische Dickdarmentzündung) und
Morbus Crohn (der den kompletten Verdauungstrakt vom Mund bis zum After befallen kann) sind je nach Krankheitsverlauf phasenweise bis lebenslang mit schwerem, anhaltendem Durchfall bis 20 Mal pro Tag und darüber hinaus verbunden. Schwere Bauchkrämpfe, Blut im Stuhl, Fistel- oder Abszessbildungen infolge eitriger Verbindungsgänge vom Darm zu anderen Organen – Haut, Darm, Blase, Scheide, Muskulatur etc – dazu entsprechende Schmerzen sind häufige Begleiterscheinungen. „Schon alleine aufgrund der schwerwiegenden physischen Symptome sind die Auswirkungen auf die Lebensqualität massiv“, so Renner.

Isolation und Operation

„Dazu kommen die sozialen, beruflichen und psychischen Konsequenzen infolge gesellschaftlicher Tabuisierung und Isolation. Der Aktionsradius ist auf die unmittelbare Verfügbarkeit einer Toilette eingeschränkt. Oft folgt der Rückzug aus dem sozialen Leben, aus Partnerschaft und Sexualität – in weiterer Folge Angststörungen und/oder Depressionen.“

„CED dürfen nicht mit Gastritis oder dem Reizdarmsyndrom verwechselt werden. Innerhalb von 10 Jahren nach der Diagnose müssen sich 70 % der PatientInnen mindestens einer Darmoperation unterziehen – bis hin zur chirurgischen Dickdarmentfernung und dem Einsetzen eines künstlichen Darmausgangs. Das Dickdarmkrebs-Risiko von CED-PatientInnen ist bis zu 10-fach erhöht.“

Wirtschaftsfaktor „Durchfall“

CED beginnen bereits in jungen Jahren und werden meist zwischen dem 20. Und 40. Lebensjahr diagnostiziert. Sie belasten die österreichische Wirtschaft mit rund 2,7 Milliarden Euro pro Jahr. Eine wesentliche Rolle spielen dabei die hohen indirekten Kosten durch häufige Arbeitsausfälle bis hin zur Arbeitsunfähigkeit, Arbeitsplatzverlust und vermehrte soziale Beihilfeleistungen. „Wenn die Politik nicht gegensteuert werden wir angesichts der aktuellen Progression bei CED eine Kostenexplosion erleben.“

Denn späte Diagnose und nicht rechtzeitig einsetzende Behandlung rächen sich bei CED besonders. Die Folgen sind ein meist schwerwiegender Krankheitsverlauf, frühe Hospitalisierung, mehr Operationen, höherer Pflege- und Betreuungsaufwand sowie eine kürzere Lebenser¬war¬tung. Renner: „Einen wesentlichen Anteil daran haben die CED. Die einzige Möglichkeit, diese Konsequenzen zu mildern bzw. zu verhindern ist die rasche, korrekte Diagnose und zügig eingeleitete, fachgerechte Therapie.“

Den Durchfall gemeinsam besiegen
 
In Österreich allerdings erfolgt eine exakte Diagnose bei CED im Durchschnitt erst nach 3,1
Jahren – bei einem Drittel der Morbus Crohn-Patienten sogar erst nach fünf Jahren.

Dem Hausarzt kommt eine wichtige Rolle zu – das vertrauensvolle Gespräch mit dem Patienten, der sein Problem meist viel zu lange für sich behält. Bei diesem Gespräch und der Erstdiagnose soll ein neues online-Tool helfen: www.ced-check.at. Dort finden Ärzte gezielte Fragen zu Anamnese und Symptomatik für das Gespräch mit potenziell Betroffenen.

Bestehen Anzeichen einer CED dann sollte nicht erst auf Verdacht behandelt oder unnötig herum geschickt werden. „Menschen mit Verdacht auf CED gehören umgehend zum Spezialisten – extremer Durchfall ist so heikel wie Herz-Kreis¬lauf-Symptome“, sagt Renner. Die Gastroenterologie stellt die exakte Diagnose und leitet gezielt die Therapie ein. „Wir arbeiten intensiv mit den AllgemeinmedizinerInnen und anderen Fächern, um den Blick dafür zu schärfen, wann eine CED-Erkrankung vorliegen könnte. Nur wenn das Zusammenspiel zwischen Hausarzt, Facharzt, Patient und auch dessen Umfeld funktioniert, können wir Morbus Crohn und Colitis ulcerosa wirksam behandeln, ein Leben meist in sehr guter Qualität ermöglichen und auch dem Staat Budget sparen helfen.“

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