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Österreichische Morbus Crohn-Colitis Ulcerosa Vereinigung


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„Was ich schon immer über chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wissen wollte …“

Dr. Reingard Platzer, Landesklinikum Wr. Neustadt, I. Interne Abteilung
2700 Wr. Neustadt, Corvinusring 3-5
(Zusammenfassung des intern. Vortrags im Rahmen der 1. APT Wr.Neustadt)

Endlich war es soweit: Die 1. Arzt-Patienten-Tagung im Schwerpunktkrankenhaus Wr. Neustadt fand am 9. November 2007 statt.
Neben Oberarzt Dr. Alfred Lenauer, welcher den Stellenwert der Chirurgie bei CED beleuchtete („nur Therapie der Komplikationen?“) und Mag. Josef Wiedeschitz, der wertvolle Tipps zum Thema Steuerabschreibungen lieferte, war es meine Aufgabe, von internistischer Seite den weiten Bogen von der Bedeutung, Diagnostik und Therapie über Lebensstil und Selbstbewältigungsstrategien zu spannen: ein ehrgeiziges Projekt in geplanten 45 Minuten. Die folgenden Blöcke sollen den Vortrag nochmals Revue passieren lassen:

„Wissen ist Macht“
Bereits vor mehreren Jahrhunderten postulierte der englische Philosoph und Wissenschaftler Francis Bacon (1561-1626): „Nur wer die Natur kenne, könne sie auch beherrschen“. Information ist essentiell. Ein gut informierter Patient hat weniger Angst, ein größeres Selbstbewusstsein und definitiv mehr Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Dies unterstreicht die Wichtigkeit der Selbsthilfegruppe, die beispielhaft das Ziel der Informationsvermittlung und des Wissens- und Erfahrungsaustausches verfolgt.

Harte Fakten und aktuelle Daten aus Österreich
Nicht nur die Ärzte, die CED-Patienten betreuen, sondern vor allem auch die Patienten (nicht selten durch leidvolle eigene Erfahrung) wissen, dass es viel zu lange dauert, bis die Diagnose einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung gestellt wird: im Durchschnitt 3 Jahre (bei Morbus Crohn sogar bis zu 8 Jahren, bei Colitis ulcerosa ca. 2 Jahre). Morbus Crohn und Colitis ulcerosa - nach einer aktuellen IMAS-Umfrage ist dies nur ca. 7% der Österreicher ein Begriff. In Österreich geht man von 80.000 Betroffenen aus, 8.772 Patienten waren 2005 in stationärer Behandlung, ca. 400 Patienten mehr pro Jahr seit 1995 und somit eine Zunahme um 50% in 10 Jahren (Pressekonferenz Mai 2007, Univ.-Prof. Dr. Walter Reinisch).

Allgemeines, Ursachen und Einteilung
Der Erkrankungsbeginn liegt meist im jungen Erwachsenenalter, bei ca. 20-30% bereits vor dem 20. Lebensjahr. Die Ursachen sind multifaktoriell. Eine wesentliche Rolle spielen eine Reihe von Umweltfaktoren (Ernährung, Rauchen, Industriegesellschaft...), eine gesteigerte Immunantwort, Bakterien, eine veränderte Darmflora und Darmbarrierefunktion. Intensiv geforscht wird auf dem Gebiet der Genetik, eine Vielzahl an sogenannten Suszeptibilitätsgenen wurde bereits identifiziert (am bekanntesten: NOD2/CARD 15). Doch selbst das Vorliegen einer solchen Mutation bedeutet nicht automatisch den Ausbruch einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, d.h. ein genetisches Screening ist zur Zeit nicht sinnvoll. Auch bei Nicht-CED-Patienten kann diese Mutation gefunden werden. Psychische Faktoren sind nicht ursächlich, aber psychische Belastungen und Stress können einen Schub auslösen oder verstärken.
Neben den typischen Symptomen wie Durchfälle und Bauchschmerzen begleiten viele andere unspezifische Beschwerden den Krankheitsverlauf: Mangelerscheinungen (Osteoporose), allgemeines Krankheitsgefühl, Gewichtsverlust, Anämie, Übelkeit und Erbrechen etc. Extraintestinale Manifestationen treten als „Mitreaktion“ außerhalb des Verdauungstraktes auf, können beispielsweise Haut, Augen und Gelenke betreffen. Colitis ulcerosa und Morbus Crohn weisen mittlerweile eine nahezu ausgeglichene Geschlechterverteilung auf (vor 15 Jahren betrug das Verhältnis noch 2:1). In ca. 10-15% spricht man von einer Colitis indeterminata, wobei man (zumindest zu Beginn der Erkrankung) noch keine Zuordnung treffen kann.

Komplikationen
Mittels anschaulichen Bildern haben wir die wichtigsten Komplikationen, wie Stenosen, Abszesse, Fisteln, Konglomerattumor besprochen. 70-80% der Crohn-Patienten müssen im Laufe der Erkrankung operiert werden. Bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und ausgedehntem Dickdarm-Befall sollen ca. ab dem 10. Erkrankungsjahr regelmäßige Surveillance-Coloskopien im Sinne der Krebsvorsorge durchgeführt werden (Surveillance = Überwachung). Das Dickdarmkrebsrisiko steigt mit der Erkrankungsdauer. In Zahlen ausgedrückt rechnet man mit einem 4- bis 18-fach erhöhtem Risiko, welches neben der Erkrankungsdauer auch durch die Entzündungsaktivität und Ausdehnung bestimmt wird. Dies unterstreicht einmal mehr die essentielle Bedeutung einer suffizienten entzündungshemmenden Therapie.

Diagnostik und Therapie: Beschwerden richtig erkennen - Abklärung und frühe Behandlung
Das ärztliche Gespräch sollte hier zweifelsohne im Mittelpunkt stehen, notwendige diagnostische Schritte geplant und Therapieentscheidungen besprochen werden. Stichwort „sanfte Coloskopie“ – niemand muss sich heutzutage vor einer Coloskopie fürchten. Laborkontrollen sind nicht nur zur Bestimmung der Entzündungsparameter wichtig, sondern auch zur Detektion von Mangelerscheinungen (Eisen, Vitamin B12, Folsäure etc) sowie unter laufender medikamentöser Therapie. Röntgen-Untersuchungen dienen sehr häufig auch zur Diagnostik von Komplikationen, wie Dünndarm-Stenosen, Fisteln oder Analabszessen. Die Therapie-Pyramide umfasst die breit eingesetzten 5-ASA-Präparate, Immunsuppressiva (wie Azathioprin, 6-Mercaptopurin, Methotrexat) und Biologika (derzeit: Infliximab, Adalimumab) sowie Tacrolimus und Ciclosporin bei der fulminanten Colitis ulcerosa. Der Einsatz von Antibiotika und Cortison soll befristet sein. Es wird der fachgerechte Einsatz der „richtigen Therapie zu rechten Zeit“ betont, und Cortison ist ein nützliches Hilfsmittel, aber kein Allheilmittel und definitiv für die Langzeittherapie nicht geeignet.

Was kann ich selbst beitragen: Good or bad?
Es ist allseits bekannt, dass Rauchen ungesund ist. Beim Crohn-Patienten verschlechtert Rauchen erwiesenermaßen den Krankheitsverlauf, insbesondere postoperativ.
„Darüber reden können“ - Sorgen, Ängste und Frustration ansprechen, dem Arzt sagen, wenn man mit einer Therapie-Empfehlung nicht einverstanden ist, dies erleichtert vieles ungemein. Hoher Dauerstress und Depression können sich negativ auf den Verlauf und die Entzündungsaktivität auswirken. Antibiotika können einerseits sehr nützlich sein (z. B. Ciprofloxacin und Metronidazol in der Fistelbehandlung), allerdings sind zahlreiche Antibiotika schlecht verträglich und können die Darmflora zusätzlich belasten. Im Zweifel sollte ein beispielsweise vom Zahnarzt verordnetes Antibiotikum mit dem betreuenden Gastroenterologen besprochen werden. Nicht-steroidale Antirheumatika können schubauslösend wirken. Sport und Bewegung sind gut. Gegessen werden darf das, was vertragen wird (sog. Eliminationsdiät). Zur Sprache kommen auch Urlaub und Reisen, welche sicherlich als „good“ zu werten sind (Erholung, Entspannung, neue Eindrücke), allerdings Achtsamkeit sei angeraten (Kost, Gewürze, Infekte, Miteinplanen in die laufende Therapie, z. B. Remicade- oder Humira-Gabe). Impfungen bei immunsuppressiver Therapie werden ebenfalls besprochen.

Resümee: ein sehr netter Abend mit guter Stimmung und Gelegenheit zu interessanten Gesprächen. Persönlich gefreut habe ich mich über das große Interesse und die aktive Teilnahme an der Diskussion.

Besonderer Dank gebührt Marietta Riemer und Sonja Schweighofer von der ÖMCCV- Zweigstelle NÖ Süd für die Organisation der Veranstaltung und Prim. Dr. Gerhard Weidinger
(I. Interne Abteilung, Wr. Neustadt) für die Moderation.
Für Speis´ und Trank haben die Firmen AESCA und Abbott gesorgt.

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