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Vergessene Patienten: Ärzte offenbaren Aufholbedarf bei chronischen Darmleiden

• Besonders dramatisch ist Situation im Waldviertel
• Morbus Crohn und Colitis ulcerosa oft zu spät erkannt

Patient im Bett
Während Bundespolitik und Krankenkassen in Österreich bei der Gesundheit sparen wollen, gibt es offenbar an zahlreichen "Ecken und Enden" medizinischen Aufholbedarf. So funktioniert die möglichst schnelle Diagnose von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zwar in Wien und dessen Umfeld. Doch schon bei Patienten aus dem Waldviertel (NÖ) können Wochen vergehen, bis ein Termin an einer spezialisierten Abteilung frei ist. Dabei geht es um 80.000 Menschen oder ein Prozent der österreichischen Bevölkerung, die davon betroffen ist, hieß es bei einer Pressekonferenz in Wien.
Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely: "Es ist mir ein großes Anliegen in der Gesundheitspolitik, besondere Beachtung jenen Erkrankungen zu widmen, über die nicht besonders viel gesprochen wird und die noch in einer Tabuzone sind." Von den oft schon in Kindheit, Jugend oder frühem Erwachsenenalter ausbrechenden chronisch entzündlichen Darmerkrankungen seien in Österreich 80.000 Menschen betroffen, davon allein rund 20.000 im Raum Wien.

Die Stadträtin über die Versorgungssituation: "Wir sind in der Ostregion recht gut aufgestellt. Wir haben aber einen Aufholbedarf in Restösterreich, was Spezialeinrichtungen anlangt." Sonja Wehsely unterstützt Aktivitäten, die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen als eigenen Punkt in den Österreichischen Strukturplan Gesundheit aufnehmen zu lassen, um eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen.

Vergessenes Waldviertel?
Gerade hier sind offenbar die Mängel. Dr. Susanne Rabady, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Hausärztin für Allgemeinmedizin im oberen Waldviertel: "Die Spezialabteilungen für meine Patienten sind in Wien oder in St. Pölten. Wo es nicht so wahnsinnig drängt, bei reiner Abklärung der Situation, können schon mehrere Wochen vergehen." "Wenn's brennt", muss die Allgemeinmedizinerin aber eben zum Telefon greifen und intervenieren. Erst vergangene Woche hatten die österreichischen Herzchirurgen auf Versorgungsengpässe in ihrem Bereich aufmerksam gemacht.

In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Betroffenen in Österreich um 270 Prozent gestiegen. Wahrscheinlich sind Umweltfaktoren dafür - neben besserer Diagnostik - verantwortlich. Beim Morbus Crohn könnten die Erreger der Rindertuberkulose in der Entstehung der chronischen und nicht heilbaren Darmentzündung eine Rolle spielen. Wesentlich verbessert haben sich durch moderne Biotech-Medikamente in den vergangenen Jahren die Behandlungsmöglichkeiten.

Dramatische Mängel bei Behandlung
Doch trotzdem bleiben Mängel bestehen. Walter Reinisch Gastroenterologe an der Wiener Universitätsklinik am Wiener AKH: "Entscheidend scheint das Faktum zu sein, dass die Symptome bei den Patienten frühzeitig auftreten, zum Teil im Kindesalter. Die Krankheiten sind unheilbar, wir können aber recht gute Therapiemöglichkeiten 'auffahren'. Allerdings, 15 Jahre nach der Diagnose, mussten sich bereits 70 Prozent der Patienten einer Operation unterziehen. Ein Drittel bis ein Viertel ist schon dreimal oder öfter operiert worden. Wir gehen davon aus, dass es pro Jahr in Österreich 3.000 neue Patienten gibt. Aufgrund der Tabuisierung der Erkrankungen erfolgt die Diagnose relativ spät, durchschnittlich nach 3,1 Jahren." (APA/red)
weiterführende Informationen:

Pressekonferenz am 22.02.2008

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