Bericht vom 9. EYG-Meeting in Budapest 10. – 13. August 2006
(EYG = European youth group)
Heuer durfte ich zum fünften Mal beim europäischen Jugendtreffen dabei sein. Bei meiner achtstündigen Zugreise hatte ich Zeit zum Überlegen welches Land mich erwartet: Ungarn. Der Blick aus dem Fenster stimmte mich ein: weite Felder mit Sonnenblumen, Mais und Getreide, alte Bauernhäuser mit geschäftigem Treiben, Frauen mit Kopftüchern und Schürzen um den Bauch – ein gemütliches Land. Und dann: Budapest. Eine Stadt mit gigantischen Gebäuden, die mich an Wien erinnerten, Fassaden, die den Baustil von Renaissance und Barock verraten, ein monarchisch historisches Flair, als ob gleich der Kaiser mit seiner Sissi um die Ecke kommen würde. Diese Stadt ist eine Reise wert. Für Romantiker ein Muss die märchenhafte Fischerbastei, für den Shopping-Typ der dreistöckige Zara und für nachtaktive Menschen gibt es viele Ausgehmöglichkeiten!
Aber nun zum Meeting: Die ungarische Vereinigung bot eine perfekte Organisation mit einem dichten Programm. Der erste Tag begann mit einem Bericht vom Loekie-Komitee. Marco Greco, der Leiter des Komitees berichtetet von den geleisteten Arbeiten des vergangen Jahres und von den laufenden Projekten. Folgende Projekte sind in Arbeit: Info Data Sheet, eine Erhebung aller Daten (Kosten, Dauer, Was/Wie/Wo?) von Jugendprojekten, welche in den einzelnen Mitgliedsländern durchgeführt wurden; Traveling with IBD, Erstellung einer Info-Karte mit den wichtigsten Daten (Wo ist das nächste Krankenhaus? Wer ist meine Ansprechperson bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa) eines Landes; EYG-Newsletter, Planung eines Sommercamps; Aufbau der Kooperation mit der Zöliakie-Vereinigung; Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit der EYG; Erstellung eines Kinderspiels für junge Patienten um die Krankheit zu erklären; Ausbau der Marketingaktivitäten (Loekie als Maskottchen, Patentrechte) und Verbesserung der Homepage. Abgeschlossen ist das Handbuch mit allen Informationen bezüglich der European Youth Group. Danach begannen die Fachvorträge. Andrea Molnar startete mit dem Thema „Koloskopie ohne Hunger“. Ihr Vortrag beruhte darauf, dass Studien zeigten, es gäbe ein besseres Untersuchungsergebnis bei einer Koloskopie wenn man bereits vier Tage vor der Untersuchung mit einer Schonkost den Darm reinigt. Den nächsten Vortrag hielt Dr. Judit Pelle zum Thema „Auswirkung von Probiotika“. Probiotische Lebensmittel beeinflussen positiv die Darmflora, so ihre Aussage und laut einer Studie aus dem Jahre 1999 bleiben 75 % der Patienten in Remission bei Zufuhr von probiotischen Lebensmitteln. Der nächste Vortrag führte uns in die Kinesiologie und in die Kräuterkunde ein. Das letzte Statement der Vortragenden blieb mir in Erinnerung „explore. life is short.“ Marco Greco erklärte uns die Wichtigkeit der anfallenden sozialen Kosten und dass Patienten dem Staat Geld kosten, was z.B. die Therapie, das Essen, die Krankenhausaufenthalte und die medizinische Versorgung betrifft und dass die Gesellschaft einen Teil dieser Kosten trägt. In den nächsten Jahren ist eine engere Zusammenarbeit der EYG mit der Zöliakie-Vereinigung geplant. Ivana, Projektmanagerin der Zöliakie-Vereinigung, stellte uns die Krankheit und die Vereinigung vor. Wussten Sie, dass man nach dem zweiten Weltkrieg fast kein Getreide hatte und deshalb mehr Kartoffeln aß? Das Besondere daran ist, dass die Kinder weniger Bauchweh hatten – so entdeckte man Zöliakie. „Gelenke und der Darm“ war das Thema des nächsten Vortrages – für mich war neu, dass die Sonne einen positiven Einfluss auf schmerzende Gelenke hat. Sanna aus Finnland brachte uns dann die Wichtigkeit von sportlicher Betätigung nahe – auch im kranken Zustand sollte man nicht zum Couch-Potatoe werden, bereits Treppensteigen oder kurze Wege zu Fuß helfen. Danach spielten wir auf der Insel „Margit Sziget“ Fußball, oder besser gesagt, wir versuchten es. Wie gehen die Regeln? Wo muss ich stehen? Keine Ahnung. Aha, den Ball in dieses Tor kicken und nicht mit den Händen spielen. Gut. Es war so eine Gaudi! Voll verschwitzt, Mineralwasser trinkend und Salz zuführend begaben wir uns auf den Heimweg. Das Abendessen fand dann im Hotel, das eigentlich ein Schiff auf der Donau war, statt. Nach dem Abendessen machten wir einen Ausflug in die Stadt und hatten einen Drink im Columbus Pub, ebenfalls ein Schiff auf der Donau. Dass manche leichten Seegang hatten, war nicht auszuschließen.
Am nächsten Tag (ohne Kopfweh, der ungarische Wein hat keine Spuren hinterlassen) motivierte uns Marco zu mehr Mitarbeit bei den laufenden Projekten der EYG. Im Anschluss daran wurde die beste Jugendarbeit prämiert. Jedes Land hatte die Aufgabe ein Plakat mit seiner Jugendarbeit zu gestalten. Meine Favoriten waren Schweden mit einem Activity-Weekend bei welchem ein Karaoke-Singen stattfand und gemeinsames Schwimmen; England mit dem Webprojekt „IBD & me“. Es wurde ein Webforum für Patienten errichtet mit Zielgruppe 16 – 29 Jahre welches sich über das gesamte UK erstreckt und großen Zuspruch findet, und Norwegen mit dem gemeinsamen Ski-Ausflug in die norwegischen Berge.
Im Anschluss daran berichtete uns Dr. Agota Kovacs die neuesten Ergebnisse bei der Forschung zu MC und Cu. Danach gab uns Dr. Istvan Dobo grundlegende Informationen bezüglich Operationen bei Darmkrankheiten, welche er mit dramatischen, ja fast abschreckenden Bildern unterlegte. Den letzten Vortrag gestaltete Dr. Beatrix Tam zur „Wurmeiertherapie“, welche noch nicht ganz ausgereift ist, jedoch aber positive Ergebnisse laut Studien der University of Iowa vorweist. Ich persönlich möchte keine Wurmeier in meinem Bauch haben, doch die Aussage, dass in Afrika fast jeder zweite Bewohner mal Würmer im Darm hatte und nie etwas von MC und Cu gehört hat, ließ mich kurzzeitig aufhorchen.
Wie auch immer. Der Nachmittag stand uns zur freien Verfügung und wir setzten gleich das gehörte „explore“ in die Tat um. Einige gingen einkaufen, manche ruhten sich aus, die schweizer, englische, deutsche Delegation und ich (oder auch Andrea, Nicola, Anke und ich ;-) machten uns auf eine Entdeckungsreise zum Buda Castle und zur Fischerbastei mit der wunderschönen gotischen Matthiaskirche, welche aber wegen sechs (!) Hochzeiten für Touristen geschlossen war. Wir passierten einen ungarischen Handwerksmarkt, tranken einen Kaffee im Café Gerbeaud und kauften ein paar Souvenirs.
Am Abend fand das legendäre Gala-Dinner statt. Schön gekleidet fuhren wir in die Innenstadt in ein typisch ungarisches Lokal, wo uns ein dickbäuchiger Geigenspieler und ein Harmonikaspieler, beide in ungarischer Tracht, musikalisch begrüßten. Das Abendessen war leicht und bekömmlich – kein Gulasch oder Zigeunerschnitzel – dafür aber Apfelstrudel!
Den Loekie-Award für die beste Jugendarbeit gewann das UK und es wurde auch bekannt gegeben in welchem Land nächstes Jahr das europäische Jugendtreffen stattfindet, nämlich AUSTRIA!!! Alle waren sehr glücklich, dass sich ein Gastgeberland gefunden hat, und die Teilnehmer haben sich alle bei mir bedankt und freuen sich schon sehr auf Österreich. Das war das heurige europäische Jugendtreffen. Bis zum nächsten Jahr!
Gabi Kameritsch nach oben |